Exklusive Leseprobe: Die Kunst zu siegen PDF Drucken E-Mail

Leseprobe Johan Bruyneel - Die Kunst zu siegen

Ein besonderes Schmankerl gibt es heute für die Leser von Radsportscout: Eine absolut exklusive Leseprobe aus dem Ende Juni als Hardcover erscheinenden Buchs von Johan Bruyneel "Die Kunst zu siegen".

Die frisch übersetzte und etwas gekürzte Leseprobe des Kapitels "Bluffe, wenn Du sehr schwach bist - oder sehr stark" gibt Aufschluss über Armstrongs Renntaktik bei der ersten Bergetappe der Tour 2001.

Johan Bruyneel - Die Kunst zu siegen

Bluffe, wenn Du sehr schwach bist - oder sehr stark

Als sich die Straße auf der ersten Bergetappe der Tour de France 2001 bergauf zu schlängeln begann, geschah etwas völlig Unerwartetes: Der flüssige runde Tritt, mit dem Lance bei seinen Tour-Siegen 1999 und 2000 seine Gegner dominiert hatte, geriet ins Stocken. Sein Vorderrad fing kaum merklich - aber siehe da: schon wieder - zu wackeln an. Der beste und entschlossenste Radrennfahrer der Welt wurde langsam, aber stetig das Feld nach hinten durchgereicht. Die ihn überholenden Rennfahrer waren still, geradezu schockiert und starrten ihn ungläubig im Vorbeifahren an - es war, als würde man seinen Vater zum ersten Mal weinen sehen oder beobachten, wie er vergeblich versucht, eine schwere Kiste anzuheben. Im Wiegetritt, tief über den Lenker gebeugt und mit den Armen arbeitend hielt sich Lance gerade so am Ende der Gruppe, wobei ihm das Atmen sichtlich schwer fiel.

Die anderen Teams hatten wohl von uns erwartet, dass wir uns wie in den Vorjahren mit Beginn der Berge an die Spitze setzen und die Führungsarbeit übernehmen würden, um das Feld bei hohem Tempo bis zum Fuß des Anstiegs zu führen. Dort würde Lance dann seinen Raketenantrieb zünden und seine Konkurrenten in Grund und Boden fahren.

Aber diesmal nicht. Lance wackelte wie wild hin und her. Sein Tritt sah abgehackt aus. Über das Radio und den Fernsehapparat in unserem Teamwagen bekam ich mit, wie die Kommentatoren auf Englisch und Französisch geradezu durchdrehten - und auch auf allen anderen Sendern ertönten ungläubige Ausrufe in der jeweiligen Landessprache. Die Reporter überschlugen sich förmlich: Irgendetwas stimmt nicht mit Armstrong! Armstrong schwächelt! Er wird ans Ende des Feldes durchgereicht!

Die Neuigkeit, dass Armstrong am hinteren Ende des Feldes war, verbreitete sich wie ein Lauffeuer - nicht nur über Funk und Fernsehen, sondern auch unter den Fahrern.

Daraufhin zog Jan Ullrich, unser Hauptgegner und vermutlich einzige Mensch weltweit, der die reelle Chance hatte uns zu besiegen, sein Team zusammen. Geschlossen setzten sie sich an die Spitze des Feldes und legten ein immer höheres Tempo vor.

„Wird Armstrong diesem Tempo noch standhalten können?!?!", hörte ich einen der Kommentatoren schreien. „Wird er heute seinen Meister finden?"

...

Während Lance also angestrengt mit seinem Oberkörper hin und her schwankte und bei einem zunehmend steiler werdenden Anstieg zum wiederholten Male aus der Gruppe herauszufallen drohte, fuhr ein Übertragungsmotorrad des Fernsehens neben mein Teamfahrzeug. Durch das offene Fenster wurde mir ein Mikrofon entgegengestreckt, und ein Reporter fragte mich, was mit meinem Superstar los sei.

Ich zuckte mit den Schultern und antwortete: „Der erholt sich schon wieder."

Im Radio und Fernsehen tönten die Kommentatoren: „Bei der ersten Bergetappe hat schon so mancher Fahrer die ganze Tour verloren!"

Sie hatten Recht. Der abrupte Wechsel von den relativ flachen Strecken der ersten Etappen zu den Bergriesen der Alpen und Pyrenäen ist immer eine große Umstellung für die Fahrer. Über Tage hinweg ist das Feld flache Straßen entlang gerast und musste immer wieder Sprints fahren. Dabei konnte der Körper die Abfallprodukte des Stoffwechsels bei hoher Trittfrequenz abbauen. Dann fährt man den ersten Anstieg hoch, und es gibt keine Möglichkeit mehr sich zu erholen, keinen Abschnitt, in dem man es rollen lassen kann. Und es bringt auch nichts mehr, sich im Feld zu verstecken. In den steilen Abschnitten der Bergetappen werden gnadenlos die Fahrer heraus gesiebt, die bisher gut verhehlen konnten, dass sie nicht hundertprozentig in Form sind. Und manchmal, ohne Vorwarnung, ist der erste Tag in den Bergen sogar für den Körper des am besten trainierten Fahrers eine zu große Umstellung, und er erlebt einen schrecklichen Tag, voller Schmerzen und Erniedrigungen, an dem er viel Zeit verliert. Selbst wenn er dann auf der nächsten Etappe wieder erholt zurückkommt, hat er aufgrund des Einbruchs vom Vortag keine Chance mehr auf einen guten Platz im Gesamtklassement.

...

Die erste Bergetappe der Tour de France 2001 war gespickt mit härtesten Anstiegen. Es war ein Albtraum. Die Etappe war knapp zweihundertzehn Kilometer lang und führte über drei Berge der höchsten Kategorie. Als Krönung war der Gipfel des letzten hors catégorie-Berges auch gleichzeitig das Etappenziel. Wenn man also im Anstieg abgehängt würde, gäbe es keine Abfahrt, um wieder aufzuschließen.

Und noch etwas kam hinzu: Das Ziel lag in Alpe d'Huez, am Ende eines legendären, vierzehn Kilometer langen Anstiegs mit einundzwanzig Kehren, der wie eine Wand in die Höhe ragt. Lance hatte schon immer in Alpe d'Huez gewinnen wollen. Fausto Coppi, der große italienische Campionissimo - der Champion der Champions - hatte in Alpe d'Huez gewonnen. Der fünfmalige Tour-de-France-Sieger Bernard Hinault - genannt der Dachs - war hier ebenfalls als Erster über die Ziellinie gefahren. Und auch Marco Pantani, der hochtalentierte Italiener, der 2004 an einer Überdosis Kokain starb, hatte zweimal in Alpe d'Huez gewonnen und dabei 1997 einen Streckenrekord von 37:55 Minuten für den Schlussanstieg aufgestellt. Entlang der Straße hinauf nach Alpe d'Huez stehen in der Regel über eine halbe Million Fans. Wer hier gewinnt, geht in die Annalen des Radsports ein.

Aber bevor wir uns überhaupt mit Alpe d'Huez beschäftigen konnten, mussten die beiden anderen Giganten des Tages bezwungen werden: der Col de la Madeleine und der Col du Glandon.

Hier am Madeleine, dem ersten Berg des Tages, trat Lance gerade am Ende eines kleinen und stetig weiter schrumpfenden Feldes, in dem Ullrich und seine Mannschaft für immer höheres Tempo sorgten, schnaufend in die Pedale.

Chechu Rubiera, einer unserer wenigen Bergfahrer, die noch gesund und bei Kräften waren, verließ seine Position direkt neben Lance und kam zu mir gefahren. Als er neben meinem geöffneten Fenster auftauchte, fragte ich ihn: „Wie läuft's?"

Chechu sah sich mit besorgter Miene um und vergewisserte sich, dass keine anderen Fahrer oder Reporter in der Nähe waren. Obwohl wir ganz alleine waren, lehnte er sich weit zu mir ins Auto hinein. Für einen Augenblick huschte ein Lächeln über sein Gesicht. „Ihm geht's gut", flüsterte Chechu mir zu. „Lance geht's gut. Alles in Ordnung."

Ich musste ein Grinsen unterdrücken. „Perfekt", antwortete ich. Ich gab ihm ein Zeichen, zurück ins Feld zu fahren.

„Er leidet wie ein Tier!!!", hörte ich einen Kommentator im Radio schreien.

Und genau das sollte jeder glauben.

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Ingo Kruck

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