Amadé-Radmarathon 2007 PDF Drucken E-Mail

In Radstadt (Google-Maps) ist der Name wirklich Programm und so startete am Sonntag der 14. Radmarathon im Rahmen des Chiba-Alpencup um 07:30 und bei blendendem Wetter.
Mit einem Böllerschuss rollt der 1. Startblock mit mir neutralisiert los. Wieder einmal haben sich ein paar Fahrer mit hohen Startnummern aus den hinteren Blöcken in den ersten Block gemogelt - tolle Leistung, und es bringt ja auch so viel bei einem neutralisierten Start.

Nach gerade einmal 1km  geht es direkt mit bis zu 10% ins Gebirge und 280hm aufwärts. Die neuen Zipp 303 mit Tufo S3 Lite Schlauchreifen surren unter mir. Mehr als 50km konnte ich sie nicht  zur Probe fahren, da die neuen Spielzeuge erst am Freitag geliefert wurden. Aber ich merke am Anstieg sofort, dass beim Antritt deutlich mehr Kraft in den Vortrieb fließt. Fast 400g Gewichtsunterschied bei der rollenden Masse hinterlassen Eindruck und mit 6.5kg hat das Rad jetzt auch ein Gewicht erreicht, bei dem eine UCI-Waage meckern würde - gut, dass keine da war.

Nichtsdestotrotz rauschen erst einmal zig Leute an mir vorbei und ich frage mich, wie schlecht ich eigentlich drauf bin. So etwas ist mir selten passiert und ich versuche dran zu bleiben, was wegen des hohen Tempos sehr schwierig ist. Erst nach dem Gipfel und im Anstieg zum nächsten legt sich die geistige Umnachtung und mir fällt ein, dass es sich bei den Vorbeieilenden primär um die Teilnehmer der kurzen 98km-Runde handeln muss. Beruhigt reihe ich mich in eine Gruppe von etwa 50 Fahrern ein, die die Verfolgung der Führungsgruppe aufgenommen hat.


Nach den ersten 500 Höhenmetern mit den neuen Zipp 303.

Es geht bergab und permanent habe ich das Gefasel meiner Freunde im Kopf, die mich vor Schlauchreifen gewarnt haben und vor tschechischen Reifen von Tufo sowieso. Dazwischen mogelt sich die unschöne Szene von Joseba Beloki in meine Gedanken, wie sich bei der Tour 2003 abwärts fahrend sein hinterer Reifen von der Felge löste und er schwer stürzte. Einige Kilometer begleitet mich dieses Bild und ich rolle mit dem Feld dahin, vermeide Schräglagen und versuche ein Gefühl für die Räder zu bekommen. Irgendwann ist das Vertrauen da und ich mache die Erfahrung, dass die Wahl der DT Swiss 240S Naben samt Aerolite-Speichen die richtige Entscheidung war. Die Räder rollen ebenso traumhaft, wie die MTB-Pendants auf meinem Canyon MR9. Trotz meiner 64kg bin ich abwärts und ohne Treten immer der Schnellste der Gruppe. Das ist neu und ich bin begeistert vom Leichtlauf - am Ende des heutigen Tages werde ich die Zipp's heiraten. Das Geld ist gut angelegt.

Bei nächster Gelegenheit verpassen wir den Abzweig für die Langstrecke. Leider haben die Streckenposten verpennt die Fahrer hier zusätzlich auf die Gabelung aufmerksam zu machen, sie stehen nur blöd herum und das kleine, rote Abzweigschild nahm ich auch nur mit den Augenwinkeln auf. Nach 500m drehen ein paar Fahrer mit mir um, wir eilen zur Kreuzung zurück und versuchen Anschluss an den Rest der Gruppe zu finden, die es richtig gemacht hat. Nach ein paar Minuten sind wir wieder back in business, aber das hat Kraft gekostet. Hier muss einmal Dank an die beiden Fahrer gesagt werden, die maßgeblich die Verfolgung angekurbelt haben: Der Kamerad im Bobshop-Teamdress und jener in schwarzem Scott-Dress, der auch im späteren Verlauf sehr, sehr viel gearbeitet hat. Hut ab!

Auf und ab geht es langsam auf die Wendemarke zu. Auf der Geraden und nur 3km vor der Wende kommt uns die Führungsmannschaft  entgegen, etwa 30 Mann. Nur kurz darauf folgt die Verfolgergruppe und etwa 2 Minuten später wenden wir auch und nehmen die Verfolgung auf. Endlich beteiligen sich auch ein paar andere Fahrer an der Führung und wir machen Druck, da wir gar nicht so weit abgeschlagen sind und nun die Verfolgergruppe vor Augen haben. Im nächsten Anstieg ist es dann soweit, während die Gruppe vor uns unter dem Anstieg aufstöhnt und deutlich Federn lässt, schließen wir auf und beide Gruppen vereinigen sich. Nach ein paar Sekunden trennen sich die Gruppen wieder und ein neuer Mix schießt vorne heraus um nun die Verfolgung der Spitzenleute aufzunehmen. Beinahe hätte ich den Absprung auch verpasst, als 3 Leute vor mir einfach abreißen lassen. Mit dem Puls im tiefroten Bereich und 4 Leuten im Gepäck springe ich so gerade noch an das Ende meiner Leute und kann etwas ausruhen, während ich mich langsam wieder nach vorne arbeite. Das passiert mir nicht noch einmal.

Unsere Gruppe hat sich nach dem nächsten Anstieg weiter verkleinert, es dürften aber immer noch etwa 50-60 Fahrer sein und nun macht sich Müdigkeit breit. Keiner will mehr vorne fahren, der Druck nach vorne fehlt, alle wollen Windschatten fahren. Mit den Jungs vom Team Strassacker, Bobshop und noch 2-3 Fahrern gelingt es uns wieder mehr Geschwindigkeit zu machen. Die letzte Labestation wird ebenfalls überfahren, wir nehmen vorne die großen 1,5l Wasserflaschen auf und reichen diese dann durch, so müssen nur diejenigen anhalten und auffüllen, die sich jetzt Sorgen um Lippenherpes machen. Dafür hat es jetzt keine Zeit.
Die Führungsarbeit macht zeitweise keinen Spaß, da einer der Strassacker-Fahrer vollkommen übermotiviert und planlos das Tempo um 5km/h erhöht, sobald er dran ist, nur um dann kraftlos nach 30 Sekunden wieder ins Feld zurück zu fallen. Wir regen uns hinter ihm über diese Intervalle auf, die keinem etwas bringen, es ändert nichts und so darf er fortan alleine im Wind fahren, während wir das Tempo unverändert lassen und weiter wechseln.

Auf der Landstraße zur letzten Steigung auf km 145 passiert dann das, was ich gerne vermieden hätte: Bei einem Schaltvorgang hat sich irgendwie die Kette verdreht und die Kurbel bewegt sich nicht mehr. Von hinten höre ich nur noch "Hey, Du hast nen Knoten in der Kette!". Oh nein, bitte nicht. Doch, ich muss anhalten und sehe das Dilemma, während meine Gruppe an mir vorbeirauscht: Kurz vor dem Umwerfer hat sich die Kette (Campa 10fach) einmal mit dem Uhrzeigersinn selbst überholt, 15cm dahinter noch einmal gegen den Uhrzeigersinn eine weiteres Mal. So etwas habe ich noch nie gesehen und mir ist es bis heute ein Rätsel, wie das passieren konnte. Nach ein paar Minuten und vielen verzweifelten Versuchen bin ich kurz vor der Aufgabe, rolle zu eine Tankstelle und baue im Grünstreifen davor das Hinterrad aus. Nach weiteren Minuten habe ich die Kette dann endlich wieder im Urzustand, dafür vollkommen verschmierte Finger und Handschuhe und eine menschenleere Landstraße. Wann kommt die nächste Gruppe, ist meine Zielzeit schon im Eimer, hab ich überhaupt noch Lust?

Lust? Nein! Aber der Besenwagen kommt hier frühestens in 3-4 Stunden vorbei und sooo schlecht lag ich ja nicht. Mit Platz 50 ists nun halt vorbei. 12 Minuten hat mich die "Chain-Reaction" gekostet. Im letzten Anstieg nehme ich dann die von hinten aufrollende Gruppe mit und erfreue mich nach 3km Anstieg über eine erneute "Katastrophe": Die Kette fällt auf den Rahmen. Ok, das passiert und nach einem Zwangsstop von 15 Sekunden ists behoben. Ergebnis: Gruppe weg.

Einer der Fahrer der Gruppe vorne platzt weg, das Tempo wurde erneut verschärft. Nach einem Kilometer bin ich dran und wir nehmen wortlos gemeinsam die Verfolgung auf. Alois, so heißt der Kamerad, wirkt sehr müde, aber er rafft sich dann doch auf und wir kommen gut und recht zügig den Berg hinauf. Auf dem Gipfel angekommen schließt dann noch ein weiterer Fahrer auf, der auch aus meiner ehemaligen Gruppe stammt und wegen Schmerzen in der Patellasehne abreißen lassen musste. Nun kann er wieder und wir schießen auf der Landstraße Radstadt entgegen und ins Ziel.


Auf der Verfolgung am letzten Anstieg mit Alois Saurwein vom RC Bike Point Innsbruck

Schlussendlich steht meine Gruppe nun schon seit über 10 Minuten im Ziel und ich unterhalte mich noch nett mit den zwei Arbeitstieren, die weit über 100 Kilometer mit das Tempo und die Verfolgung gestaltet haben. Wir tauschen Komplimente aus und ein paar verachtende Worte für die vielen Lutscher, die sich 176km lang ziehen lassen um den Arbeitstieren dann auf der Ziellinie noch den 50. Platz streitig zu machen. Sie nennen das Taktik, ich nenne das arbeitsunwillige Hartz-IV-Empfänger des Radsports.

Platz 107 in der Klassenwertung ist das Resultat und ziehe ich 12 Minuten ab, wäre ein Platzierung um Rang 50 denkbar gewesen. Das ist ärgerlich, vor allem weil es nurmehr knapp über 20 Minuten Rückstand auf den Sieger gewesen wären.
Aber egal, die geplante Zeit von 05:15 hab ich ebenso unterboten wie die Wunschplatzierung unter den ersten 150 Fahrern. Damit darf ich zufrieden sein und da es eh nur ein Trainingsrennen war und ich nicht volles Risiko und Kraft fahren wollte, ist das Ergebnis absolut in Ordnung.


Zielstrich in Radstadt. Die ölverschmierten Hände und das Lenkertape sind nach der Panne zu erkennen, dabei hatte ich 2 Tage zuvor noch Kette und Kassette mit Degreaser gereinigt...

Erst am Montag erfahre ich, dass sich schon um 09:00 ein tödlicher Unfall in der Abfahrt nach Filzmoos ereignet hat, wo ein allein fahrender 46-jähriger Nordrheinwestfale stürzte und mit dem Kopf gegen die Leitschiene fiel.
Hier einige Unfallberichte:

Radmarathon.com
Radsportnews.com
Salzburger Nachrichten

Das ist wirklich tragisch und natürlich nachvollziehbar, dass die große Siegerehrung um 16:00 Uhr im ganz kleinen Rahmen abgehalten wurde und die Nebenveranstaltungen abgesagt wurden. Davon habe ich aber nichts mehr mitbekommen, da ich mich zu dem Zeitpunkt schon lange im Stau Richtung Salzburg befand und etwa 4.595 aus dem Regal getunte VW Golf vom VW-Treffen am Wolfgangsee erleben musste.

Fazit: Eine überaus gelungene Rennveranstaltung, logistisch vorbildlich organisiert, wenn man von einigen Wegweiser absieht, die etwas zu klein ausfielen. Im nächsten Jahr würde ich empfehlen das Streckenprofil grafisch nicht so sehr zu stauchen, damit auch die kilometerlangen Abschnitte ohne Steigung zu erkennen sind.

Weitere Impressionen und eine schöne Fotogalerie gibt es bei nyx.at auf dieser Seite...

Wer selbst noch am Alpencup in Berchtesgaden oder im Schweizer Engadin teilnehmen möchte, findet auf der vorbildlich gestalteten Veranstalterseite Infos, Impressionen und Anmeldeformulare.

© Image-Copyrights: Radsportscout.de, Sportograf.com

Ingo Kruck 

Quellenhinweis und weitere interessante Links zum Thema:
Weiterführende Links: Radsport Alpencup (Radmarathon.com)
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Ingo Kruck
 
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